Implus 365. Null Fehler? Klingt stark! Funktioniert aber nicht.

Wer spricht schon gern über seine eigenen Fehler? Niemand.
Schade eigentlich. Wenn wir nicht über Fehler sprechen, dann können wir auch nichts daraus lernen. Manche Fehler bleiben sogar bestehen bzw. wir selbst oder unsere Kollegen wiederholen den Fehler, weil wir nicht drüber gesprochen und daraus gelernt haben.
Doof, oder?
Ein gesunde Fehlerkultür bedeutet nicht:
„Ist doch egal. Mach ruhig Fehler.“
Mitnichten!
Eine gute Fehlerkultür bedeutet:
Wir arbeiten professionell.
Wir halten hohe Standards.
Wir wollen Sicherheit und Qualität.
Und gerade deshalb sprechen wir über Fehler.
Ohne Vertuschen.
Ohne Beschämung.
Frühzeitig.
Denn ein Fehler, der früh sichtbar wird, ist oft noch beherrschbar.
‚Keine Fehler‘ als Ziel? Eine Schapsidee!
Vielleicht denkt mancher so: Am besten ist es doch für meine Führungskraft, wenn ich so wenig Fehler wie möglich mache. Eigentlich naheliegend, oder? Und klar wünscht sich niemand Mitarbeitende, die viele Fehler machen. Grundsätzlich. Wichtiger als wenig Fehler machen ist allerdings, dass wir Verantwortung übernehmen für unsere Ergebnisse. Also auch für unsere Fehler.
Denn:
Wir mögen nicht Menschen, die keine Fehler machen. Also, wenn es sie geben würde schon, aber die gibt’s ja gar nicht.
Wir mögen Menschen, die Verantwortung übernehmen für Ihr Handeln und ihre Ergebnisse – und mit dieser Verantwortung mitdenken und auf diese Art und Weise Fehler reduzieren und vermeiden.
Einer meiner größten Fehler
Mit 17 hatte ich mal eine tolle Idee: Ich wollte eine Packung Haargel im Drogeriemarkt besorgen, naja eigentlich wollte ich sie stehlen. Sehr unauffällig gehe ich durch die Gänge uns lasse die Packung vom Regal in meine Tasche gleiten. Sehr unauffällig marschiere ich dann in Richtung Kasse. Äußerlich cool, innerlich mit unglaublichen Herzklopfen. Sehr unauffällig gehe ich dann an der Kasse vorbei.
Endlich im Freien atme ich auf. Geschafft.
Überhaupt nicht unauffällig haut mir einen Moment später ein kleiner kräftiger Mann seine starke Hand auf die Schulter und sagt: „Kommen Sie mit. Ich bin der Ladendetektiv.“
Das war vermutlich das Beschissenste und Beste, was mir je passiert ist. Denn ich hatte keine Wahl als die Geschichte eine Stunde später meinen Eltern zu erzählen. Ich rechne mit dem schlimmsten Donnerwetter ever von meinen Eltern. Interessanterweise bekomme ich aber gar kein Donnerwetter. Stattdessen bekomme ich von meinem Vater eine Vorbild-Reaktion, wie wir bei Fehlern unserer Kinder oder auch unserer Mitarbeiter reagieren können.
Mein Vater antwortet nämlich sehr nachdenklich „Und ich hätte gedacht, dass ich meinen Kindern beigebracht habe, das Eigentum anderer zu respektieren.“ Ich war baff. Das war seine spontane, ungefilterte Reaktion. Kein Ausflippen. Keine Meckerei. Sondern Selbstreflexion.
So eine Reflexion wünsche ich mir für Führungskräfte, Kollegen, Freunde, Eltern, Partner und Partnerinnen. Was ist meine Verantwortung, wenn eine andere Person in meinem Team einen Fehler macht? Natürlich sind die anderen Personen ebenso für ihre eigenen Fehler verantwortlich. Doch wie es mein Vater vorgelebt hat: Wir sind nicht nur verantwortlich für die eigenen Handlungen und Ergebnisse. Wir sind auch verantwortlich für das Handeln und die Ergebnisse anderer.
Das heißt jetzt nicht, dass wir uns jeden Schuh dieser Welt anziehen sollten. Aber wenn wir uns den Schuh anziehen beim Fehler eines anderen, z.B. als Führungskraft beim Fehler eines Mitarbeiters, dann können wir mitgestalten, statt nur mit dem Finger auf die andere Person zu zeigen.
Wir brauchen Vorbilder
Über meinen Fehler des versuchten Ladendiebstahls spreche ich inzwischen offen in meinen Führungskräfte-Trainings und auch auf Vorträgen vor hunderten von Führungskräften. Nur wenn jede und jeder einzelne von uns mit tatkräftigem Beispiel vorangeht, inspirieren wir andere offen über ihre Fehler zu sprechen.
Es gilt: Je krasser und persönlicher der Fehler, den Du zugibst, desto stärker der positive Effekt. Und gleichzeitig leider auch: Je krasser und persönlicher der Fehler, desto weniger Menschen sprechen offen darüber.
Ruhig respektvoll bei Fehlern der anderen
Vor einigen Jahren machte einmal eine Mitarbeiterin in meinem Team einen Fehler, der mich mutmaßlich fünf oder 10.000 Euro Umsatz gekostet hat. Sehr ärgerlich. Was hat mir in diesem Moment geholfen ruhig zu bleiben?
Ich hätte an das Vorbild meines Vaters denken können. Wäre auch eine gute Idee gewesen. Was hab‘ ich gemacht? Ich habe zunächst gesagt, dass ich das sehr ärgerlich finde. Dass es meiner sehr guten und ehrgeizigen Mitarbeiterin höchstpeinlich war, spürte ich sofort. Der Gedanke, der mich runtergeholt hat und den ich auch ausgesprochen habe, war: ‚Das hätte mir auch passieren können.‘ Dieser Gedanke hilft, nicht laut oder aufbrausend zu werden. Denn jeder von uns hat ja schon alle möglichen Fehler selbst gemacht.
Und wir haben aus diesem krassen Fehler gelernt und prüfen diese Ursache nun konsequent doppelt, so dass uns der Fehler nicht wieder passieren wird.
Die Forderung: „Wir dürfen uns keine Fehler erlauben“
Gerade in technischen Unternehmen ist dieser Gedanke weit verbreitet. „Wir dürfen uns keine Fehler erlauben“. Da erwartet die Führung, dass wir keine Fehler machen. Weil Sicherheit ein hohes Gut ist. Ja, klar, dass wollen wir ja irgendwie alle, oder? Aber ich bin überzeugt: Das Ergebnis bei der Erwartung einer Führungskraft ‚keine Fehler zu machen‘ ist nicht ‚keine Fehler‘. Es ist Vertuschen, Verschweigen oder Lügen – je nach Situation und je nach Mitarbeiter.
Am Ende haben wir nicht weniger Fehler. Wir haben weniger sichtbare Fehler.
Bei einem meiner Kunden gab es mal eine Führungskraft, die eine öffentliche Belohnung vergab für Mitarbeitende, die 10 Jahre lang fehlerfrei gearbeitet haben. Ich bin ja ein großer Fan von öffentlichem positiven Feedback für gute Leistungen. Aber 10 Jahre fehlerfrei? Wie soll das denn möglich sein? Was hat da ein Mitarbeiter 10 Jahre lang getan? Vermutlich alle auftretenden Fehler einfach verschwiegen.
Wer viel arbeitet – und das tun die allermeisten von uns – macht auch viele Fehler. Das geht gar nicht anders.
Also hören wir auf damit, ‚Null Fehler‘ zu fordern. Belohnen wir lieber Mitarbeitende mit unserem positiven Feedback, wenn Sie offen und zeitnah über ihre Fehler und Missgeschicke sprechen.
Ja, wir brauchen Sicherheit.
Ja, wir wollen, dass alle unsere Mitarbeitenden gesund abends nach Hause gehen.
Aber der Weg dorthin führt nicht über ‚keine Fehler machen‘, sondern über ‚wir sprechen offen über unsere Fehler, um dann größere Fehler zu vermeiden‘.
Ach, übrigens: Kennst Du die Aussage „Wir dürfen jeden Fehler machen, aber bitte nicht denselben Fehler zwei Mal!“? Ich halte diese Aussage für ähnlich gefährlich, wie eine Null-Fehler-Toleranz. Denn die meisten Menschen werden einen Fehler wiederholen, bevor sie den richtigen Weg verinnerlicht haben. Nicht, weil sie doof sind oder nicht bereit waren, aus Fehlern zu lernen. Sondern weil das einfach so ist. Unser Gehirn lernt manchmal nicht so schnell, wie wir uns das wünschen.
Wie weniger Fehler machen?
Lass uns viel Zeit investieren, in das Ergründen der Fehler-Ursache. Ich nenn das Zwiebel schälen. „Ich war unkonzentriert“ hört sich nach der Ursache eines Fehlers an, oder? Die spannende Frage ist aber: „Warum war die Person unkonzentriert?“. Vielleicht hatte sie schlecht geschlafen, okay. Aber warum hatte sie schlecht geschlafen? DAS gilt es herauszufinden.
Auf dieser Ebene gilt es dann auch eine Maßnahme zu ergreifen, um mehr Konzentration und so weniger Fehler zu ermöglichen. Das kann sein, mehr Zeit im Bett, besseres Abschalten nach der Arbeit, weniger Alkohol, mehr Pausen, bessere Einarbeitung, Nutzen von Checklisten, überhaupt das Erstellen von Checklisten, weniger Lärm bei der Arbeit, Gehörschutz oder oder oder.
Also, erforsche die echte Ursache von Fehlern. Schäl die Zwiebel, Schicht um Schicht, um zur echten Ursache zu gelangen. Und dafür findest Du dann eine Lösung, um den Fehler beim nächsten Mal zu vermeiden.
Was ist sind meine drei Hauptpunkte aus diesem Blogbeitrag?
- Fehler gehören dazu. Mit einer Null-Fehler-Forderung fördern wir vertuschen, verschweigen und lügen.
- Wenn Fehler anderen passieren, denke ‚Hätte mir dieser oder ein ähnlicher Fehler auch passieren können?‘. Oder: ‚Wie sollen idealerweise andere auf meine Fehler reagieren?‘
- Was wir aus einem Fehler lernen, ist entscheidend. Finde die echte Ursache von Fehler heraus, um gegensteuern zu können und nicht die oberflächliche Ursache.
Viel Erfolg beim Entwickeln Deiner Fehlerkultür. Dafür empfehle ich Dir meinen Blog-Impuls 352 „4 starke Wege für Deine Fehler-Kompetenz“ und den Blog-Impuls 353 „Deine Fehlerkompetenz stärken“.
Dort erfährst Du weitere wichtige Hinweise zum Entwickeln Deiner Fehler- und Lernkultur!
Auf bald, Dein Markus Jotzo
PS: Wenn Du Deine Fehlerkultür verbessern möchtest, dann melde Dich am besten direkt bei mir: service@markus-jotzo.com



