Wer die Rente schon im Kopf hat …

Impuls 142: 55+: Die Rente im Kopf – die Lebensqualität im Keller

„Mit 55 noch den Job wechseln? Spinnst du?“, sagt der eine ältere Herr zu dem anderen unter der Dusche neben ihm.

Ich bin im Hallenbad, dusche auch gerade und belausche die beiden.

„Wieso? Der neue Job klingt spannend. Ich freu mich riesig drauf!“, sagt der zweite, während er die Temperatur auf kalt stellt und dann unter dem kalten Wasser laut prustet und schnauft.
„Na, du Vogel! Willst du deine Frührente aufs Spiel setzen?“

Ich bin fertig und gehe raus. Für den zuversichtlichen Jobwechsler freue ich mich. Aber die Einwände seines Bekannten machen mich nachdenklich: Was ist denn eigentlich so erstrebenswert an der Rente? Und dann auch noch Frührente! Das dahinterstehende Lebenskonzept erschließt sich mir nicht.

Und doch ist klar: Viele Leute harren die letzten zehn, fünfzehn Jahre in ihrem Job einfach aus und warten auf das Erreichen des gesetzlichen Renteneintrittsalters. Aber ich verstehe das überhaupt nicht. Mir ist mein „Ruhestand“ völlig egal – und zwar aus gutem Grund: Ich habe vor, so lange zu arbeiten wie ich kann. Mir macht mein Job einfach unglaublich viel Spaß!

Alles da, alles gelebt

Klar: Mit 55 Jahren haben viele den Überlebenskampf hinter sich. Haus, Auto, Caravan – alles da. Jedes Jahr Sommerurlaub im Süden, Kreuzfahrten, Karibik all inclusive. Die Kinder sind groß, die Schulden quasi abbezahlt, der Job ist okay. Alle Ziele sind erreicht. Das einzige Ziel, das jetzt noch bleibt, das Ziel, auf das das ganze Leben ausgerichtet scheint, ist das Erreichen des Rentenalters. Dann, ja dann … ja, was denn eigentlich?

Ich denke mir: Der Job, den diese Leute machen, muss schrecklich sein! Vielleicht auch einfach langweilig und keine Herausforderung mehr. Sonst finde ich keine Erklärung, warum die Rente ein so erstrebenswertes Ziel sein soll. Vielleicht haben sie in ihrem Leben nie in dem Beruf gearbeitet, den sie wirklich gern ausüben wollten. Oder sie haben erst gar nicht herausgefunden, was sie wirklich gerne machen würden.

Eigentlich schon tot

Wer allerdings nicht in einer leidenschaftlichen Art und Weise arbeitet, ist doch fast schon tot. Warten auf die Rente ist jedenfalls nicht leben.

Dem skeptischen Schwimmer wünsche ich, dass er – wenn er schon in seinem Beruf nicht in die Vollen gegangen ist – wenigstens für die Zeit ab der Rente eine passionierte Beschäftigung finden wird. Denn Studien belegen, dass Menschen, die aufhören, produktiv zu sein, im Schnitt früher sterben als Menschen, die bis zum Tod arbeiten oder zumindest eine Aufgabe haben. Ähnlich verhält es sich mit Partnern, die kurz nacheinander sterben. Das sind Menschen, die keinen weiteren Sinn mehr im Leben sehen als das Zusammensein mit Ihrem Partner. Wenn mit dem Partner die Beschäftigung wegfällt, sterben sie auch.

Es ist also wichtig, immer eine Aufgabe zu haben, die Sie aktiv hält. Und so eine Aufgabe zu finden, ist eigentlich ganz einfach. Meine Tochter besucht mit einem Kita-Projekt ein Altersheim. Die Alten kümmern sich je nach ihren Fähigkeiten um die Kinder: Sie unterhalten sich mit ihnen, malen gemeinsam Bilder, erzählen Geschichten, lesen etwas vor, singen gemeinsam und betrachten sogar zusammen die Bienenzucht eines Heimbewohners. So haben die Kinder willkommene weitere Bezugspersonen und die Alten haben eine sinnvolle Aufgabe. Für beide Generationen ist es eine wunderschöne Erfahrung.

Produktivität kennt kein Alter

Die Grenzen der Produktivität gibt es indes nur im Kopf. Das zeigt eindrucksvoll die älteste Unternehmerin Deutschlands. Mit ihren 100 Jahren lenkt Gerdi Benthack noch einen renommierten Baustoffhandel – alle Achtung! Gerade, wo viele Menschen im dritten Lebensabschnitt eher kürzer treten, geht diese Dame in die Vollen.
Dem müssen Sie nicht folgen, aber letztlich hat doch jeder Lebensabschnitt sein Thema und es bleibt die Aufgabe eines jeden Menschen, eine leidenschaftliche Aufgabe für jedes Alter zu finden.

Eine Bekannte von mir, Erzieherin von Beruf, hat sich von ihrem schmalen Gehalt genug Geld zurückgelegt und wandert jetzt nach Sevilla aus – damit erfüllt sie sich einen Traum, den sie schon lange hegte. Sie sollten mal sehen, mit welcher Hingabe und welchem Feuereifer sie bei der Sache ist. Ich bin sicher, ihr wird auch nach dem Umzug die Begeisterung nicht ausgehen.

Sie sollten also nicht auf Ihre Rente warten. Niemals. Überlegen Sie sich lieber, was Sie als Nächstes tun werden und geben Sie Ihrem Leben einen neuen, leidenschaftlichen Anstrich!

One thought on “Impuls 142: 55+: Die Rente im Kopf – die Lebensqualität im Keller

  • Von Hermann Doppler - Reply

    Da kann ich Ihnen nur zustimmen.
    Man sollte nicht auf die Rente warten sondern dem Leben im Alter einen neuen (altersgerechten) Anstrich geben. Und wenn der dann noch leidenschaftlich ist, umso besser.
    Arbeiten ist auch Sinngebung und die ist meiner Meinung nach wichtig.
    Wenn man das auf die aktuelle demografische Herausforderung überträgt, dann wird klar, dass die Diskussion um das Rentenalter kreativer und konstruktiver zu führen ist.
    Meiner Meinung nach muss sich die Belastung des Menschen entsprechend der Veränderung seiner Konstitution mit zunehmendem Alter ändern. Gerade erfahre ich, das an mir selber. Ich genieße einerseits nicht mehr wie früher “unter Volldampf” zu stehen. Andererseits macht es mir Spaß und Freude mich meinen Fähigkeiten an unterschiedlichen Stellen einzubringen und laufend Neues hinzuzulernen.

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