Impuls 123: Michels Weg zum Glück

Zusammen mit meinen Facebook-Followern habe ich ein tolles Experiment gewagt: Gemeinsam haben wir eine Fortsetzungsgeschichte rund um den Auszubildenden Michel geschrieben. Von mir stammen Anfang, Ende und ein paar Denkanstöße in der Mitte. Alle anderen großartigen Passagen haben insgesamt neun verschiedene Autorinnen und Autoren beigetragen. Das Ergebnis darf ich Ihnen heute hier präsentieren.
Ich bedanke mich bei allen, die sich auf mein kleines Experiment zur Weihnachtszeit eingelassen und so eifrig an Michels Geschichte mitgesponnen haben. Und seien Sie nicht traurig, falls Ihr Fortsetzungsteil es nicht in die finale Geschichte geschafft hat. Ich habe mich über jeden einzelnen Beitrag gefreut!

 

MICHELS WEG ZUM GLÜCK

4.30 Uhr – es ist kalt und dunkel in Berlin. Aber im einem Hinterhof brennt Licht, es rattert und rumpelt und ein Duft von frischen Backwaren strömt aus dem offenen Fenster. In der Backstube steht Michel (17) – er macht gerade seine Ausbildung zum Bäcker. Damit ist er jedoch gar nicht glücklich. Die Agentur für Arbeit hat ihm halt ein paar Ausbildungsplätze nahegelegt: Bürokaufmann beim Deutsche Bahn Konzern, IT-Techniker bei Siemens, Logistikmitarbeiter bei Zalando, Mechatroniker bei Mercedes-Benz und eben die Ausbildung zum Bäcker ganz in der Nähe der elterlichen Wohnung. Michels Eltern waren von letzterer total begeistert: Das ist noch ein echtes Handwerk, Michel hat es nicht soweit zur Arbeit und die Mama fand es toll, dass ihr Sohn dann tagsüber auch zu Hause ist. Seit zehn Monaten macht Michel nun eine Ausbildung beim Bäcker, knetet beliebig Teig für Brot und Brötchen, spritzt Marmelade in die Berliner, streicht Zuckerguss über den Kuchen … Für Michel ist das irgendwie sinnfrei und vor allem muss er dafür zu nachtschlafener Zeit aufstehen. Er quält sich jeden Morgen zur Arbeit.

Dabei möchte Michel viel lieber mit Menschen zusammen arbeiten, in der Backstube gibt es ja nur den Meister und die Gesellen. Auf dem Heimweg kommt er täglich an einem Kindergarten und Hort vorbei. Ein buntes Treiben, Erzieher und Kindergärtner lachen und die Kinder sehen glücklich aus. Manchmal kann er durch das Fenster sehen, wie sie basteln oder Lieder singen. Nachts träumt er oft davon, wie er jeden Tag von Kindern umgeben ist, ihnen bei ihren kleinen Herausforderungen des Lebens hilft, mit ihnen kreativ ist und lustig sein kann. Michel ist mittendrin und sieht zufrieden aus.

Aber nein. Zuverlässig wie er ist, versucht er sich, seine Träume aus dem Kopf zu schlagen, trottet jeden morgen sehr unmotiviert in die Backstube und tut das, was von ihm erwartet wird. Doch seine Träume holen ihn oft ein und dann fragt er sich “Wie kommt er da nur wieder raus?“.

{Susanne Hoerth} Ein paar Tage später: Nach einer besonders harten Woche kann sich Michel morgens einfach nicht mehr aus dem Bett zwingen – oder vielmehr mitten in der Nacht. Wer steht schon freiwillig um drei Uhr in der Früh auf? In den letzten Tage ging alles schief. Die Brötchen hatte er im Ofen vergessen, der Kuchenteig hatte geklumpt und schließlich hatte er ein ganzes Blech Berliner versehentlich in Salz statt in Zucker gewälzt.

Michel kann nicht mehr. Der erste Ausweg, der ihm in seiner Verzweiflung einfällt: Er wird sich krank stellen. Im Dezember sind doch sowieso immer alle krank. Da hätte er sich ja leicht irgendwo anstecken können. Und seine Mutter war schon immer so eine Vorsichtige. Die wird ihm schon glauben, dass er Bauchschmerzen hat.

Dachte Michel. Aber seine Mutter wurde sauer: „Das ist so eine tolle Chance für dich, jetzt reiß dich mal zusammen! Du hast ja nicht mal Fieber, Michel.“

Super, zur Arbeit kann er jetzt nicht mehr gehen. Das käme ja einem Eingeständnis gleich, dass er nicht wirklich krank ist. Im Sommer hätte er den Tag draußen verbringen können, aber heute regnet es und ist eiskalt. Da hat er sich ja in eine schöne Zwickmühle geritten. Er beschließt, sich für heute bei einem Freund zu verkriechen. Dann schöpft die Mutter keinen Verdacht und er muss seine Lüge auch in der Backstube nicht aufdecken.

{Nathalie Bothe} Der nächste Morgen ist da. Das stürmische und nasse Wetter ist ihm dabei auch nicht behilflich, besser aus dem Bett zu kommen. Er setzt sich trotzdem auf sein Fahrrad und stemmt sich gegen die Böen. „Ich wäre jetzt auch gerne noch im warmen Bett, würde tief schlafen und träumen!“, denkt er. Nur einen kurzen Moment passt er nicht auf, da knallt er mit dem Vorderrad gegen den Bordstein und stürzt. Noch im Fallen denkt er: „Wäre ich doch bloß im Bett geblieben…!!!“. Er schlägt mit dem Kopf auf dem nassen Boden auf, alles um ihn herum dreht sich und ihm wird schwarz vor Augen.

Kichern und eifriges Geflüster weckt Michel auf.
Es ist hell, trocken und überall sieht er bunte Schmetterlinge von der Decke hängen. Langsam richtet er sich auf und blickt in strahlende, fröhliche und neugierig dreinschauende Kinderaugen. „Wo bin ich denn hier gelandet? Träume ich?” fragt sich Michel.

{Kathrin Agnes Mayr-Lackinger} Er blinzelt, reibt sich die Augen. Dann folgt ein dumpfes Pochen in seinem Kopf. Die Erinnerung kehrt wieder, er ist gestürzt. Michel greift sich an die Stirn und kann eine Beule spüren. Aber was passierte dann? Wo ist er jetzt? Es ist zwar sehr schwierig für Michel, alles tut ihm weh, aber er rappelt sich hoch und versucht auf seinen zitternden Beinen zu stehen. Überall Farben, die schönsten die er je gesehen hat. Saftiges Grün, Meeresblau, Sonnengelb, Rot wie die Blüten des Mohnes. Bei dem Anblick der Schmetterlinge und dieses Wunderlandes vergisst Michel seine Schmerzen. Er kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Langsam formen sich seine Gedanken zu Worten. Noch etwas stotternd bringt er heraus: “Wo bin ich und wer seid ihr?“.

{Susanne Wehner} Die Kinder, die vor ihm standen, reichten Michel ihre verspielten Hände und zeigten ihm eine Welt, die er längst vergessen hatte: Eine Welt voller Unbeschwertheit, ohne Ängste, ohne Sorgen. Und so erfuhr Michel eine Schwerelosigkeit zwischen Traum und Realität. Endlich konnte er sich befreien von dem viel zu großen Druck, der auf ihm lastete. Er tauchte ein in ein Meer seiner Kindheit, erfuhr die Weite und Unbegrenztheit des Seins. Endlich spürte Michel, dass all seine Fähigkeiten weit über dem liegen was von ihm gefordert wird. Glücklich beobachtete er die Kinder beim vergnügten Spielen im Sand. Die Fantasie der Kinder ermutigte ihn, weiter an sich zu glauben und sich selbst zu verwirklichen. Gemeinsam erschuf Michel mit den Kindern die außergewöhnlichsten Kreaturen von denen kleine Bäcker nur träumen können – exklusivste Sand-Torten, Brote und Brötchen in den lustigsten Formen. Endlich zeigte der junge Auszubildende Spaß an seinem Tun. Er fühlte sich endlich befähigt etwas Richtiges zu tun. Seine Augen strahlten, Michel war einfach nur zufrieden und glücklich.

Dann durchdrang ein grelles Piepen seine wundervolle Traumwelt. Die Kinder verschwanden und als er seine Augen öffnete, stand seine Mutter vor ihm – im Krankenhaus. Bei seinem Sturz musste er sich wohl mehr als eine Beule zugezogen haben. Und tatsächlich: Sein linker Arm war in einen Gips verpackt und auch sein rechtes Bein hatte einen Verband. Michels Mutter sah irritiert aus. Michel beschlich das Gefühl, dass es mehr war als der Fahrradsturz, denn normalerweise würde sie sich sorgenvoll um ihm kümmern, aber dieses Mal stand sie einfach nur da und schaute ihn an. Am nächsten Tag ging es wieder nach Hause und Michel konnte, welch Freude, erst einmal nicht in die Backstube gehen. Er genoss es, Sony PlayStation zu spielen, stöberte den ganzen Tag in Facebook und schaute sich auf YouTube ein Video nach dem anderen an. Irgendwie beschäftige ihn, dass sich seine Mutter anders verhielt als sonst, wenn Michel krank war. Er sprach seine Mutter darauf an.

{Carina Maya} “Ich mache mir solche Vorwürfe,” sagte sie. “Schon lange habe ich gemerkt, dass dir die Ausbildung keine Freude bereitet und du die Erfüllung deiner Träume ganz woanders siehst.” Michel wurde es ganz schwer ums Herz. Seine Mutter sah so betroffen aus. Ihre Schultern hingen nach unten, den Kopf hatte sie wie eine Schildkröte eingezogen, als versuchte sie, sich klein zu machen oder sich zu verstecken. Ihre Schuldgefühle waren ihr förmlich anzusehen. “Weißt du, dein Urgroßvater war Bäcker. Als meine Mama gestorben ist, habe ich fast jeden Tag in seiner Backstube verbracht. Der Duft von frischem Brot, der Geruch von eben in Lauge gebadeten Brezeln und die Wärme vom Backofen haben mich so sehr getröstet. Die Erinnerung an diesen Trost hat mich dazu bewogen, dich zu dieser Ausbildung zu drängen. Es tut mir so leid!” Die Mutter fing an zu weinen. Sie straffte jedoch sofort wieder ihre Schultern, zwang sich zu einem kleinen Lächeln und sagte: “Michel, was mich wirklich glücklich machen würde, ist, wenn DU glücklich bist.” Michel humpelte auf seine Mutter zu und umarmte sie. Die Umarmung war der Ausdruck von echter authentischer Vergebung. Außerdem war sie fast so warm wie der Ofen in der Backstube. Nun war auch das Lächeln im Gesicht der Mutter plötzlich ganz echt und sie musste sich nicht mehr dazu durchringen. “Ach, Mama,” sagte Michel. “Nicht die Backstube hat dich getröstet. Das war doch Opa! Und ob ich nun Bäcker oder Kindergärtner bin, für dich werde ich immer da sein.”

Weil Michel nun so schnell wie möglich das machen sollte, was ihn wirklich glücklich macht, hatte Michels Mutter bereits im Kindergarten nachgefragt. Leider gab es dort keine offenen Stellen. Am nächsten Tag setzten sich beide zusammen und schmiedeten einen Plan, wie Michel die Bäckerausbildung nun am besten beenden und seinen Traumberuf finden kann.

{Manu Roßkopf} Michel und seine Mutter hatten richtig Spaß dabei, die Stellenanzeigen für Kindergärtner zu durchstöbern und mit dem Berater bei der Agentur für Arbeit zu sprechen. Erstmals lachten beide ganz ungezwungen miteinander.

{Juli Fu} Am nächsten Tag suchten sie das Gespräch mit dem Bäckermeister. Aber der war außer sich, er hatte kein Verständnis für Michels Spinnerei. „Kindergärtner, unglaublich!“, brüllte er. Michel war verunsichert, was er nun machen sollte. Er wollte seinen Chef ja eigentlich auch nicht im Stich lassen.

Wenige Tage später feierte Michel seinen 18. Geburtstag. Er hatte immer noch keinen Ausbildungsplatz als Erzieher gefunden und sein Bäckermeister war total verstimmt. Die Frustration war groß. Als er Fernsehen schaute, kam ihm eine spontane Idee: Er geht für drei Monate nach Afrika, um dort den Kindernothilfe E.V. zu unterstützen. Dort könnte er erste Erfahrungen mit Kindern sammeln und dem grauen Wetter in Berlin entfliehen.

Seine Mutter unterstützte ihn bei seinem Vorhaben und so stieg Michel in das Flugzeug nach Kenia. Doch dort angekommen, gab es viele Herausforderungen für Michel, die ihn an seine Grenzen brachten.

{Kathrin Agnes Mayr-Lackinger} Es war für Michel anstrengender, als er erwartet hätte. Die Sprache war ganz anders, schwieriger zu erlernen. Kein Wort glich dem anderen und die Laute waren schwieriger im Mund zu formen.

{Isa Sta} Doch nach zwei Wochen hatte er sich an die Sprache gewöhnt. Was er nicht verstand, wurde mit Hand und Fuß erklärt. Schnell gewöhnte sich Michel ein und die Kinder gewöhnten sich an ihn. In der Einrichtung, wo er im Einsatz war, lebten Kinder, die früher ohne Perspektive auf der Straße lebten. Michel bastelte mit ihnen, sie spielten gemeinsam Fußball und kochten zusammen, Michel brachte ihnen das Zählen bei und so ging ein Tag nach dem anderen vorbei. So schön die Tage mit den Kindern waren, bedrückte Michel doch die Lage der Kids. Ihr Körper war oft von Narben gezeichnet, sie hatten keine Eltern mehr, ihre Seelen waren vom harten Leben auf der Straße stark mitgenommen, teilweise hatten sie unheilbare Krankheiten wie Aids … Er fand nachts kaum noch Schlaf, weil ihn die Situation so belastete: Er wollte richtig helfen und die Kids nicht nur bespaßen, aber in acht Wochen musste er schon wieder nach Berlin zurück. Auf der anderen Seite vertrug er das afrikanische Essen nicht so gut und sehnte sich nach der Geborgenheit im elterlichen Zuhause. Michel war hin- und hergerissen, was er nun tun sollte.

Nach tagelangem Grübeln fasste er sich schließlich ein Herz. Er lud seine Handykarte auf und führte das teure Auslandsgespräch nach Deutschland, das sein Leben verändern würde: „Mama, ich will in Kenia bleiben. Ich habe das Gefühl, dass ich hier wirklich wertvolle Arbeit leisten kann,“ platzte er heraus, kaum hatte seine Mutter den Hörer abgehoben. „Und ich will, dass du und Papa auch herkommt. So viele von den Kids hier haben keine Eltern. Ich möchte meine mit ihnen teilen. Ihr seid toll.“ Zum ersten Mal verfiel er in Schweigen und lauschte dem überraschten Stottern seiner Mutter. Sie versprach ihm nichts während dieses Telefonats, doch eine Woche später klingelte Michels Handy.

„Wir haben uns entschieden, Michel. Du warst so mutig mit diesem Schritt, nach Kenia zu gehen, und jetzt tust du genau das, was dich glücklich macht. Wir möchten genau so mutig sein. Wir haben einen Flug für den 24. Dezember gebucht, um uns nach einem Haus umzusehen. Das heißt, wir werden Weihnachten zusammen feiern, ist das nicht schön? Michel, wir kommen zu dir! Wir trauen uns auch.“

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